15.01.2026 17:36

Neujahrsempfang der Erzdiözese

(Freiburg) Angesichts einer zunehmend polarisierten Gesellschaft hat Erzbischof Stephan Burger zu einer „Politik des Gehört-werdens“ ...

Angesichts einer zunehmend polarisierten Gesellschaft hat Erzbischof Stephan Burger zu einer „Politik des Gehört-werdens“ aufgerufen. Beim Neujahrsempfang der Erzdiözese Freiburg vor rund 340 geladenen Gästen im Collegium Borromaeum warnte er zwar vor einer Erosion der demokratischen Kultur, setzte dieser aber das kirchliche Modell der Synodalität und konkrete Schritte der Erneuerung entgegen.

Verlässliche Bindungen statt globaler Verunsicherung

Erzbischof Burger benannte deutlich die „Fliehkräfte einer ins Rotieren geratenen Gesellschaft“: emotional geführte Debatten, zunehmender Antisemitismus und eine Rhetorik der Unversöhnlichkeit, die Kompromisse erschwere. Doch statt in Schockstarre auf globale Krisenherde zu blicken, müsse Kirche „Räume des Vertrauens“ schaffen. Wie wichtig verlässliche Bindungen in unsicheren Zeiten seien, verdeutlichte Burger am Beispiel der Partnerschaft mit der Kirche in Peru. Seit 40 Jahren besteht diese Verbindung, die der Erzbischof in diesem Jahr durch einen Besuch in Peru würdigen wird. „Solange wir uns als Gesellschaft verstehen, die auf christlichen Werten aufbaut, darf uns das Schicksal anderer nicht unberührt lassen“, so Burger. Internationale Solidarität sei ein Gegenmittel gegen die Zersetzung der eigenen Gesellschaft.



Synodalität als Gesellschaftsmodell



Burger verknüpfte die politische Lage direkt mit dem innerkirchlichen Weg. Das von Papst Franziskus hinterlassene und von Papst Leo XIV. fortgeführte Erbe der Synodalität sei weit mehr als eine Kirchenreform: Es sei eine Haltung. „Ist unsere Gesellschaft gespalten durch Meinungen oder stärker durch die Art, wie wir kommunizieren?“, fragte der Erzbischof. Synodalität bedeute, diese Sprachfähigkeit wiederzugewinnen und eine „Kultur des Zuhörens“ zu etablieren, die darüber hinaus von einer Kultur des „Gehört-werdens“ zu ergänzen sei. Dazu gehöre untrennbar die „Option für die Armen“. Wer nur um sich selbst kreise, verliere den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Burger zitierte hierzu Papst Leo XVI.: Die Erneuerung beginne dort, wo wir fähig sind, „uns von unserer Selbstbezogenheit zu befreien“.



Mut zum Wandel: Die 36 neuen Pfarreien



Konkret wird diese Haltung der Veränderungsbereitschaft in der Erzdiözese selbst: Zum 1. Januar 2026 sind im Rahmen des Projekts „Kirchenentwicklung 2030“ die 36 neuen Pfarreien offiziell gestartet. Burger bezeichnete dies nicht als bloßen Verwaltungsakt, sondern als geistliche Antwort auf die Zeichen der Zeit. Die Veränderungen seien herausfordernd und teils mit Unsicherheiten behaftet, doch sie böten die Chance, „im Glauben zu wachsen“.



In Anlehnung an das vergangene Heilige Jahr appellierte er an die Gäste, gemeinsam „Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung“ zu bleiben. Dies sei auch sein persönliches Leitmotiv für das kommende Jahr, in dem er neben Peru auch Reisen nach Bethlehem und zum Wallfahrtsort Altötting plane, um Zeichen der Verbundenheit zu setzen.



Gäste und musikalische Gestaltung



Unter den geladenen Gästen aus Politik und Gesellschaft waren Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn, der Erste Bürgermeister Ulrich von Kirchbach sowie die Bürgermeisterin Christine Buchheit und Bürgermeister Martin Haag. Die Wissenschaft wurde unter anderem vertreten durch Rektorin Prof. Kerstin Krieglstein und den Dekan der Theologischen Fakultät, Prof. Karlheinz Ruhstorfer. Ebenso begrüßte der Erzbischof Prälat Marc Witzenbacher sowie Landesrabbiner Moshe Flomenmann und Rami Suliman, den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde.

Musikalisch gestaltet wurde der Abend vom Chor der Musical AG der Klosterschule vom Heiligen Grab (Baden-Baden) unter der Leitung von Mechthild Jacobs, am Klavier begleitet von Dominikus Krempel.