23.10.2021 14:02

Erzdiözese erinnert an Deportation badischer Jüdinnen und Juden

„Als Kirche tragen wir die historische Verantwortung und werden weiterhin in ökumenischer Verbundenheit für die Erinnerung an ...

„Als Kirche tragen wir die historische Verantwortung und werden weiterhin in ökumenischer Verbundenheit für die Erinnerung an die Geschichte, die einzelnen Schicksale, die Namen und deren Hoffnungen, wie auch für die tiefe Verzweiflung einstehen.“ Das versichert Erzbischof Stephan Burger in einem Schreiben mit Blick auf den anstehenden 81. Jahrestag der Deportation der badischen Jüdinnen und Juden am Freitag (22.10.). Nahezu die gesamte badische jüdische Bevölkerung war am 22. Oktober 1940 ins französische Internierungslager Gurs von den Nationalsozialisten verschleppt worden. Am Sonntag (24.10.) findet in Gurs im Rahmen einer Delegationsreise eine Gedenkfeier statt, um an den 80. Jahrestag zu erinnern, der letztes Jahr nicht vor Ort gefeiert werden konnte. Die Feier wird von der Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs organisiert.



Der Beauftragte für jüdisch-christlichen Dialog der Erzdiözese Freiburg, Fabian Freiseis, überbrachte den Brief von Erzbischof Stephan Burger an den Verein „L´Amicale du Camp de Gurs“, die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden K.d.Ö.R. sowie die Arbeitsgemeinschaft zur Unterhaltung und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs. In dem Schreiben weist der Freiburger Erzbischof auch darauf hin, dass in der gegenwärtigen Zeit „antisemitische Beleidigungen, Übergriffe und Anschläge“ dafür sorgen, „dass viele Jüdinnen und Juden sich nicht sicher fühlen in Deutschland und Europa. Das erfüllt mich selbst mit Schmerz, denn das Versprechen der katholischen Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil war und ist, dem Antisemitismus als Sünde, als Verstoß gegen das göttliche Gebot der Geschwisterlichkeit, entschieden entgegenzutreten“. Die Gesellschaft sei dazu verpflichtet, „die Zeit seit der Machtergreifung durch das nationalsozialistische Regime weiterhin intensiv aufzuarbeiten“. Der Erzbischof betont, dass sich die Erzdiözese Freiburg mit der Evangelischen Landeskirche Baden deshalb weiterhin im Mahnmalprojekt und dem Projekt „erinnern und begegnen“ dafür einsetzen werde, „nicht nur über die Geschichte der Deportierten aufzuklären, sondern zudem die Verbindungen zu den jüdischen Gemeinden zu stärken, interreligiöse Begegnungen zu ermöglichen. Dies will nicht zuletzt ein Zeichen der Einheit in unsere Gesellschaft hinein sein: Wir lassen uns als Menschen nicht trennen“.



Gedenkfeier in der Jugendbildungsstätte Neckarzimmern



Anlässlich des Jahrestages laden die Evangelische Landeskirche in Baden und die Erzdiözese Freiburg gemeinsam mit dem Förderverein Mahnmal für Sonntag (24.10.) um 14 Uhr zu einer Gedenkfeier in die Jugendbildungsstätte Neckarzimmern (Steige 50) ein. „Das Mahnmalprojekt möchte nicht nur die Jugend in die Pflicht nehmen, sondern die gesamte Gesellschaft in den Städten Badens ermahnen: Wo Menschen diskriminiert und verfolgt werden, ist es die Pflicht von Christinnen und Christen, von allen Menschen guten Willens, Widerstand zu leisten“, erklärt Erzbischof Burger.

Auf der etwa 20 mal 20 Meter großen Bodenskulptur in Form eines Davidsterns erinnern von Jugendgruppen und Schulklassen gestaltete Gedenksteine an die Schicksale der aus ihrer Heimat herausgerissenen Jüdinnen und Juden. Grußworte werden Landrat Achim Brötel (Neckar-Odenwald-Kreis) und der Holocaust-Überlebende Kurt Salomon Maier (vorgetragen durch ein Mitglied der Mahnmal-Vereins) sprechen. Ein Dialog mit Schülerinnen und Schüler greift den Antisemitismus und die Erinnerungsarbeit in der heutigen Gesellschaft auf. Musikalisch umrahmt wird die Feier von Schülerinnen und Schülern der Mosbacher Musikschule.



Bereits für Freitag (22.10.) lädt der „Förderverein Mahnmal – zur Erinnerung an die nach Gurs deportierten Jüdinnen und Juden Badens“ dazu ein, im Verlauf des Tages am Gedenkbrunnen auf dem Platz der alten Synagoge in Freiburg zu verweilen. In Stille können Besucherinnen und Besucher hier der Opfer vom 22. Oktober 1940 gedenken und als Zeichen ihrer Solidarität eine Rose auf dem Rand des Brunnens ablegen.



Auch die Katholische Fachschule für Sozialpädagogik Agneshaus in Karlsruhe wird bei einer Erinnerungsfeier am Freitag (22.10.) der Opfer der Deportation gedenken und die „Stolpersteine“ in der Nachbarschaft des Agneshauses in den Mittelpunkt stellen. So haben Schülerinnen und Schülern aus dem Unterkurs der Fachschule an Biographien von ermordeten Menschen und Familien gearbeitet. In kleinen Gruppen werden bei der Gedenkfeier einzelne „Stolpersteine“ aufgesucht und dabei etwas zu den darauf genannten Menschen erfahren.



Ein Gedenkstein der Erzdiözese in Gurs



Seit September 2021 erinnert in Gurs ein Gedenkstein der Erzdiözese Freiburg an die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden. Anlass für dieses Mahnmal war der 80. Jahrestag im vergangenen Jahr. Coronabedingt konnte der Gedenkstein allerdings erst in diesem Herbst nach Südwestfrankreich transportiert werden. „Mit dem Gedenkstein, der nun in Gurs als Teil des ,Mahnmalprojekts‘ steht, ist ein Zeichen der Verbundenheit aufgestellt. Dieser Stein soll uns erinnern, aber auch aufrütteln“, sagt Erzbischof Stephan Burger.



Rainer Moser-Fendel, der sich im Erzbistum seit Jahren für das Gedenken der Betroffenen engagiert, betont: „Der Gedenkstein ist ein Stein des Anstoßes. Er steht da, damit das Schreckliche, das geschehen konnte, heute nicht vergessen wird. Und er steht da, um uns immer wieder Anstoß zu sein, die Würde eines jeden Menschen zu respektieren und zu verteidigen.“ Der Stein ist einem Strebepfeiler des Freiburger Münsters entnommen worden: „Die eine Seite ist defekt und steht symbolisch für die Deportation der Jüdinnen und Juden. Die andere, wiederum gut erhaltene Seite, steht für ein bereicherndes Miteinander – geprägt von Respekt und Wertschätzung heute und in Zukunft,“ erläutert Moser-Fendel. Aufgestellt wurde der Gedenkstein zusammen mit Christian Puharré, dem Bürgermeister von Gurs, auf dem Lagergelände, wo bereits drei weitere Gedenksteine an die Internierten erinnern.

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