WVIB: Geschäftserwartung auf höchstem Wert seit Ende 2022
(Freiburg) Die Industrie in Baden-Württemberg verzeichnet weiterhin wenig Dynamik.
Mit einer schwarzen Null ist die Wirtschaft erneut nur knapp an der Rezession vorbeigeschrammt. 2026 keimt vorsichtige Hoffnung, dass die Konjunktur langsam Fahrt aufnehmen könnte. Dies zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage der wvib Schwarzwald AG für 2025, die heute bei CorTec in Freiburg präsentiert wurde.
wvib-Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme: „2025 war das dritte Jahr in Folge ohne Wachstum. Die Schwächephase in Baden-Württembergs Industrie hält noch immer an. Der Aufschwung könnte 2026 kommen, aber noch bleibt es ein fragiles Versprechen.
Die globale Wirtschaft wächst, aber die deutsche Industrie verliert weiter an Boden. Schuldenfinanzierte Sondervermögen bringen keinen nachhaltigen Aufschwung und dürften noch für einen heftigen Kater sorgen, wenn private Investitionen nicht nachziehen. Deshalb werben wir mit unserer Jahreskampagne ‚Deutschland kann mehr‘ für einen marktwirtschaftlichen Aufbruch und mehr Wettbewerbsfähigkeit.“
Für das Gesamtjahr 2025 meldeten die wvib-Mitgliedsunternehmen ein knappes Umsatzplus von 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Gesamtjahr 2024 wurde ein nominales Umsatzminus von 4,8 Prozent vermeldet.
47 Prozent der befragten Unternehmen meldeten gesunkene Umsätze. Im Jahr 2024 verzeichneten noch 62 Prozent der Unternehmen rückläufige Umsätze. Bei ebenfalls 47 Prozent der Befragten sind die Umsätze im vergangenen Jahr angestiegen. Vor einem Jahr meldeten nur 34 Prozent ein Umsatzplus.
Die Geschäftserwartungen haben sich erfreulicherweise im Vergleich zum Vorjahr etwas verbessert: 39 Prozent rechnen in den nächsten sechs Monaten mit steigenden Umsätzen (Januar 2025: 22 Prozent). 48 Prozent erwarten keine Veränderung. Mit einem Umsatzrückgang rechnen rund 13 Prozent. Vor einem Jahr rechneten 27 Prozent mit einem Umsatzrückgang.
Verrechnet man positive und negative Umsatzentwicklung, so erhält man einen Wert für die Geschäftslage der Unternehmen. Analog dazu ist die Geschäftserwartung der Saldo aus positiver und negativer Umsatzerwartung. Aus dem geometrischen Mittel zwischen Geschäftslage und Geschäftserwartung bildet sich das wvib-Geschäftsklima.
Geschäftserwartung auf dem höchsten Wert seit Ende 2022
Das wvib-Geschäftsklima liegt derzeit mit 13 Punkten im Plus. Vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei einem Minus von 17 Punkten. Vor drei Monaten lag der Wert bei rund 8 Punkten.
Der Wert zur Geschäftslage im Gesamtjahr 2025 liegt bei 0 Punkten und ist damit deutlich besser als vor einem Jahr (minus 29 Punkte). Der Wert der Geschäftserwartung ist mit 26 Punkten ebenfalls deutlich besser als vor einem Jahr (minus 5 Punkte) und erreicht den höchsten Wert seit Ende 2022.
Interessant ist der Vergleich mit der Umfrage vor drei Monaten: Damals lagen Geschäftslage (7 Punkte) und Geschäftserwartung (9 Punkte) im positiven Bereich. Durch die relative Verschlechterung der Geschäftslage von 7 auf 0 Punkte ist das kombinierte Geschäftsklima in diesem Zeitraum nur von 8 auf 13 Punkte gestiegen.
Deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen
In den drei Branchen Automotive, Maschinenbau und Metallverarbeitung ist das Geschäftsklima unter dem allgemeinen Durchschnitt. Am niedrigsten ist der Wert in der Automotive-Branche, während Maschinenbau und Metallverarbeiter etwas besser abschneiden.
Bei den Zulieferern im wvib-Branchencluster Automotive ist das Geschäftsklima am Nullpunkt. Auch wenn die Situation längst nicht gut ist, hat sie sich zuletzt deutlich verbessert. Vor einem Jahr lag der Wert in der Branche bei minus 41 Punkten. Die Geschäftserwartungen der Branche sind dennoch (11 Punkte) positiv.
In der zyklischen Maschinenbau-Branche liegt das Geschäftsklima mit 6 Punkten unter dem Durchschnitt. Das war vor einem Jahr umgekehrt, damals war die Stimmung in der Branche mit minus 12 Punkten etwas besser als unter allen Unternehmen. Grund für den aktuellen Wert ist vor allem die aktuelle Geschäftslage mit einem Wert von minus 9 Punkten. Die Geschäftserwartungen (21 Punkte) sind unterdessen positiv.
Die metallverarbeitenden Unternehmen wie CNC-Drehereien oder Umformbetriebe spüren bislang noch keine richtige Erholung. Auch hier ist das Geschäftsklima mit 4 Punkten relativ niedrig. Vor allem die schlechte Lage im zurückliegenden Jahr (minus 6) drückt auf den Wert. Die Geschäftserwartungen (16 Punkte) sind hier ebenfalls positiv.
Besser als der Durchschnitt schneiden Medizintechnik-Branche und die Kunststoff-Unternehmen ab. Während sich die Medizintechnik auch in der Vergangenheit immer wieder mit sehr positiven Werten hervorgetan hat, sind die guten Indizes in der Kunststoff-Branche durchaus überraschend.
Bei der Medizintechnik ist das Geschäftsklima mit 15 Punkten im positiven Bereich. Dies speist sich vor allem aus den positiven Geschäftserwartungen, die bei 44 Punkten liegen; die Geschäftslage liegt derzeit bei minus 10 Punkten. Vor einem Jahr war die Stimmung in der Branche noch besser: Damals lag das Geschäftsklima bei 26 Punkten.
In der Kunststoff-Branche hatte sich die Stimmung zwischenzeitlich deutlich abgeschwächt. Heute scheinen sich die Unternehmen erholt zu haben. Das Geschäftsklima liegt mit 20 Punkten im Plus, dabei sind sowohl Lage (19 Punkte) und Erwartung (21 Punkte) positiv.
Regionale Auswertung zeigt starke Unterschiede
Erstmals hat der wvib in diesem Jahr eine regionale Auswertung des Geschäftsklimas durchgeführt. Zwischen den einzelnen Regionen gibt es durchaus Unterschiede. Während das Geschäftsklima in einigen Landkreisen beispielsweise positiv ausfällt, liegen andere im negativen Bereich. In diesen Regionen verzeichnen also mehr Unternehmen eine schlechte Geschäftslage und erwarten auch für die nächsten sechs Monate mehrheitlich Negatives.
Auch wenn die Unterschiede zwischen den Kreisen drastisch erscheinen, lässt sich dennoch nicht die Aussage treffen, dass es bei den Regionen Gewinner oder Verlierer gibt. Während sich für das allgemeine Geschäftsklima mit über 400 teilnehmenden Unternehmen ein robuster Wert bilden lässt, ist die Auswertung auf Kreisebene mit einer geringeren Fallzahl anfälliger für Verzerrungen.
Das Geschäftsklima in Waldshut (39), Lörrach (33) oder Emmendingen (30) ist deutlich im positiven Bereich. Auch die Regionen Karlsruhe, Rastatt, Baden-Baden (21), Breisgau-Hochschwarzwald (16) und Freiburg (19) liegen über dem allgemeinen Durchschnitt. In Tuttlingen und Sigmaringen (12 Punkte) entspricht das Geschäftsklima dem allgemeinen Wert. In Freudenstadt und Calw liegt es bei null Punkten – gleich viele Unternehmen meldeten steigende wie sinkende Umsätze bzw. positive wie negative Erwartungen für die kommenden Monate.
Im negativen Bereich liegt das Klima in Pforzheim und dem Enzkreis (minus 11 Punkte), Rottweil und dem Zollernalbkreis (minus 13 Punkte) sowie in Konstanz und dem Bodenseekreis (minus 30 Punkte).
Beim Frühindikator Auftragseingang zeigt sich, dass die Unternehmen weiter vorsichtig bleiben. In den vergangenen zwölf Monaten ist der Auftragseingang in den Unternehmen der Schwarzwald AG um 2,4 Prozent gestiegen. Vor einem Jahr meldeten die befragten Unternehmen ein Minus von einem Prozent. Im Jahresverlauf stieg der Wert leicht an. Vor drei Monaten lag das Plus beim Auftragseingang bei 1,5 Prozent, vor einem halben Jahr meldeten die Betriebe lediglich ein leichtes Plus von 0,6 Prozent. Allerdings hatte das Jahr deutlich stärker begonnen: In den ersten drei Monaten des Jahres war der Auftragseingang noch um 3,8 Prozent gestiegen. Alle Kennzahlen der wvib-Konjunktur-Umfrage werden als kumulierte Year-to-Date-Werte abgefragt und mit dem Vorjahreszeitraum verglichen.
Bei 48 Prozent hat sich der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahr verbessert (2024: 39 Prozent), bei 34 Prozent dagegen verschlechtert (2024: 45 Prozent).
38 Prozent der befragten Unternehmen erwarten in den nächsten sechs Monaten steigende Auftragseingänge (Januar 2025: 22 Prozent). 11 Prozent rechnen damit, dass der Auftragseingang eher zurückgehen wird (Januar 2025: 23 Prozent). 51 Prozent rechnen mit stagnierendem Auftragseingang.
Die Ertragslage beurteilen derzeit 19 Prozent der Befragten mit gut (Januar 2025: 18 Prozent). 28 Prozent der Befragten bezeichnen die Ertragslage dagegen als schlecht (Januar 2025: 31 Prozent). Als befriedigend wird die Ertragslage von knapp 53 Prozent der Unternehmen beschrieben (Januar 2024: 52 Prozent).
20 Prozent rechnen damit, dass sich die Ertragslage in den nächsten sechs Monaten verbessert. Vor einem Jahr gingen 18 Prozent von einer Verbesserung aus. Rund 15 Prozent rechnen mit sinkenden Erträgen – vor einem Jahr waren es 25 Prozent.
Eine besonders auffällige Zahl ist die Auslastung: 70 Prozent der Unternehmen meldeten eine geringe Auslastung ihrer Produktionskapazitäten. 25 Prozent gaben eine eher durchschnittliche Auslastung an. Lediglich 5 Prozent meldeten eine hohe Auslastung. Vor einem Jahr lagen die Anteile bei 75, 20 und 5 Prozent.
Die Investitionsquote der Unternehmen liegt bei 4,8 Prozent. Vor einem Jahr lag diese bei 6,1 Prozent.
So ist es in der Summe nicht verwunderlich, dass in den letzten Wochenwieder vermehrt Schlagzeilen über Stellenabbau zu lesen waren. Die wvib-Konjunkturumfrage zeigt: Diese Nachrichten sind keine isolierten Einzelfälle, sie geben jedoch auch kein vollständiges Bild des Arbeitsmarkts. Etwas mehr als die Hälfte (51 Prozent) der befragten Unternehmen hat angegeben, im vergangenen Jahr die Anzahl der Beschäftigten reduziert zu haben. 2024 waren es 53 Prozent. Zum Vergleich: 2023 war der Anteil mit 43 Prozent deutlich geringer. 40 Prozent vermeldeten einen Anstieg der Beschäftigten – vor einem Jahr gaben 35 Prozent der Unternehmen an, ihre Belegschaft aufgestockt zu haben.
Die Prognosen bleiben durchwachsen: 20 Prozent erwarten in den nächsten sechs Monaten einen Anstieg der Beschäftigten (Januar 2025: 16 Prozent), 23 Prozent gehen von einem Rückgang aus (Januar 2025: 26 Prozent). Zum Vergleich: Im Januar 2023 gingen lediglich 7 Prozent von einem Rückgang der Beschäftigten aus.
Das Fazit von wvib-Hauptgeschäftsführerin Hanna Böhme:
„Der ‚Herbst der Reformen‘ ist ausgeblieben, trotzdem zeigt sich an manchen Stellen Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Wir dürfen jetzt nicht in alte Muster verfallen. Die schwarz-rote Koalition muss Fahrt aufnehmen: Bürokratie abbauen, Sozialsysteme generationengerecht reformieren, das Steuersystem wettbewerbsfähig gestalten und die Energiekosten nachhaltig senken. Kurz: Um die Volkswirtschaft wieder in Schwung zu bringen, braucht es eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die strukturelle Probleme löst. Von der Sonderkonjunktur durch staatliche Schuldenprogramme profitiert die Industrie nicht wirklich. Wir brauchen eine Stärkung des europäischen Binnenmarkts und mehr Abkommen wie jene mit den Mercosur-Staaten oder mit Indien.
Vor allem aber braucht es eine Stärkung des Versprechens der Sozialen Marktwirtschaft. Wir sollten daran arbeiten, den gesamten Wohlstand zu vergrößern, statt uns immer wieder um die Krümel zu streiten.“