09.01.2019 08:46

Neujahrsempfang der Erzdiözese

(Freiburg) Dem Gefühl der Unsicherheit und den Zukunftsängsten der Menschen möchte Erzbischof Stephan Burger „mit der ermutigenden Botschaft Christi entgegentreten“. Beim Neujahrsempfang der Erzdiözese Freiburg forderte er die Gäste am Dienstag (8.1.) auf, diese Botschaft „mit unserem Tun und unserer Haltung zu beglaubigen“ und so die Gesellschaft mitzugestalten.

Als Hauptursache für die weitverbreitete Unsicherheit machte der Erzbischof von Freiburg einen hohen Druck zur Veränderung in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens aus: „Viele spüren, dass es an vielen Stellen einfach nicht mehr so weiter geht wie bisher.“
Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche: So geht es nicht weiter!
„Einen hohen Veränderungsdruck spüren wir nicht weniger in unserer Kirche, in unserem Erzbistum Freiburg“, sagte der Erzbischof weiter. Mit Blick auf den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker des Erzbistums Freiburg ergänzte er: „Sehr schmerzlich haben wir in den zurückliegenden Wochen und Monaten erfahren müssen, wo jedes ‚Weiter so‘ völlig ausgeschlossen, das ‚So geht es nicht weiter‘ unbestreitbar ist.“ Angesichts der bisher „in keiner Weise ausreichenden Aufarbeitung“ des sexuellen Missbrauchs seien „noch nicht vorbehaltlos alle Konsequenzen gezogen“. Ein wichtiger Schritt seien deshalb die persönlichen Gespräche mit Betroffenen, die er im November und Dezember geführt habe und von denen noch weitere folgen werden. „Neben der bewussten Anteilnahme an diesen schrecklichen Ereignissen, stellt sich auch immer wieder die Frage nach den finanziellen Aspekten. Es geht um Zahlungen für die Anerkennung des Leids, um Therapiekosten und um Hilfen in Anlehnung an das staatliche Opferentschädigungsgesetz, die wir planen. Was an seelischer Zerstörung und körperlichem Leid zugefügt wurde, kann jedoch nicht finanziell abgegolten werden. Hier kann ich derzeit - nach Ansicht mancher Betroffener - mit den bisherigen Leistungen nur enttäuschen.“ Bislang böten die Leitlinien für die Gewährung von Leistungen aus dem „Fonds Sexueller Missbrauch im familiären Bereich“ des Bundesfamilienministeriums eine Orientierung. Doch sei es eine Aufgabe für die Gesamtgesellschaft, zu überdenken, wie hier verantwortlich gehandelt werden könne. „Diese Frage kann meines Erachtens nicht allein im kirchlichen Binnenraum entschieden werden.“ Nicht umsonst wolle die große Koalition das Opferentschädigungsgesetz aus dem Jahre 1985 reformieren.
Stephan Burger erklärte, auch eine grundlegende Auseinandersetzung mit den Fragen der Machtverteilung, der Machtkontrolle in der Kirche, „mit problematischen Vorstellungen von Amt und Verantwortung, ja, mit Klerikalismus“ müsse geschehen. „Themen, mit denen sich die im November gebildete Kommission ‚Macht und Missbrauch‘ zu beschäftigen hat, die sich ebenso mit der Aufarbeitung exemplarischer Fälle befasst und auseinandersetzt.“ Er ergänzte, auch die Kooperation mit der Staatsanwaltschaft sei hier selbstverständlich. Bei der Aufarbeitung darf es nach den Worten des Erzbischofs nicht um persönliche Befindlichkeiten von Amtsträgern gehen. „Es geht darum, dass wir wieder fähig werden, unseren Auftrag und unsere Aufgabe als Kirche zu erfüllen: die Verkündigung der frohen Botschaft, des Reiches Gottes – damit alle Menschen – wie es im Johannes-Evangelium heißt – ein Leben in Fülle haben.“
Kirchenentwicklung 2030 – „Uns nicht im Lamento über Verlorenes verlieren“
Gesellschaftliche Veränderungen stellen nach den Worten von Stephan Burger auch das Erzbistum vor große Aufgaben. So gelte es, kreativ und innovativ auf weitere, besondere Herausforderungen zu reagieren: „Vor allem auf die klar und unmissverständlich prognostizierte weiterhin abnehmende Zahl an Kirchenmitgliedern, an Gläubigen, an Priestern und hauptberuflich pastoral Mitarbeitenden, aber auch auf künftig spürbar deutlich weniger finanzielle Mittel.“ Er wisse, dass das nicht leicht sei, sagte der Erzbischof. „Aber so wie wir vor diesen tiefgreifenden Veränderungen die Augen nicht verschließen können, dürfen uns diese auch nicht lähmen, dürfen wir uns nicht im selbstbezogenen Lamento über Verlorenes verlieren und die gegenwärtige Lage nur als Verfall begreifen.“ Wie in den Diözesanen Leitlinien beschrieben, bedeute Leben immer auch Bewegung. Dort heißt es: „Wir nehmen die sich verändernden Rahmenbedingungen in Kirche und Gesellschaft bewusst an und finden Möglichkeiten, sie aktiv mitzugestalten.“ In diesem Sinne werde im Februar das Gesamtprojekt „Kirchenentwicklung 2030 unter der Beteiligung aller Räte und Gremien des Erzbistums beginnen.
Der Erzbischof erläuterte, der Prozess „Kirchenentwicklung 2030“ stehe für eine „sehr umfassende Neugestaltung grundlegender Strukturen der Erzdiözese Freiburg, der Pfarr- und Gemeindestrukturen sowie der Finanz-, der Verwaltungsstruktur. Diese Veränderungen werden fraglos alle Mitglieder unserer Erzdiözese betreffen und berühren: Laien und Priester, die Mitarbeitenden und die Bistumsleitung, Haupt-, Neben- und Ehrenamtliche.“ Ihm sei es wichtig, dass alle „an der Gestaltung dieses grundlegenden Wandels beteiligt“ und mit ihren Anliegen und Interessen gehört werden. Dabei solle gelten: „Was immer sich ‚vor Ort‘ gestalten und verantworten lässt, soll auch vor Ort gestaltet und verantwortet werden.“
Der Erzbischof bilanzierte: „Weil es so nicht weitergehen kann, müssen wir uns in den kommenden Jahren diesem notwendigen Entwicklungsprozess stellen. Es geht für uns um die zukünftige Gestalt unserer Erzdiözese, gemäß dem Apostel Paulus: ‚Prüfet alles, das Gute behaltet‘.“

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